„Great Game“ im syrischen Bürgerkrieg

Der syrische Bürgerkrieg ist noch lange nicht vorbei. Aber die jüngsten Erfolge der Assad’schen Helfer aus Moskau, Teheran und dem Libanon haben das Blatt komplett gewendet. Assad selbst hat zwar mit den unmittelbaren Aktionen russischer Luftangriffe oder den schiitischen Milizen von Teherans Gnaden nicht mehr allzu viel zu tun, aber dieses Thema lassen wir mal vorerst beiseite.

Das Assad-Lager konnte das Rebellengebiet zwischen der syrisch-türkischen Grenze und dem umkämpften Aleppo durchtrennen. Damit wird nicht nur der militärische Nachschub, sonder (vor allem) auch die zivile Versorgung der Provinzen Idlib und Aleppo zum Erliegen kommen. Aber nicht nur militärisch ist der jüngste Erfolg der Achse Moskau-Teheran-Hizbullah hervorzuheben, sondern auch politisch. Die mit dem Beginn der Genfer Friedensgespräche koordinierten Angriffe haben dem Assad-Lager Oberwasser verschafft und eine Verhandlungslösung weniger attraktiv werden lassen.

Während der Block um Assad-Putin-Khamenei-Nasrallah vorerst auf die Siegerstraße eingebogen ist, erscheinen vor allem die beiden Akteure Ankara und Washington auf der Verliererstraße. Ankara und Washington sind nominell Verbündete, doch ihre Interessen im syrischen Bürgerkrieg sind nur schwer vereinbar. Putin hat das erkannt und ging volles Risiko.

USA:

Die USA sehen im IS die größte Bedrohung und haben etwa das Schicksal Assads dieser Priorität untergeordnet. Der IS ist bekannterweise ein Al-Qaida-Ableger, der flügge geworden ist, aber auch der andere Al-Qaida Ableger in Syrien, die so genannte Nusra-Front, ist auf dem Radar der USA. Aber da sich die USA nicht mit Luftschlägen begnügen wollten, sondern (wieder einmal siehe Afghanistan und Irak-Krieg) eine Bodentruppe brauchten, kamen sie letzten Endes auf den syrischen PKK-Ableger (PYD) und stießen damit Ankara vor den Kopf.

Kurz gesagt: Die US-Luftwaffe bombte und bombt dem syrischen Arm der PKK den Weg frei. Das wird in Ankara als zumindest unfreundlicher Akt gewertet. Für Washington ein Zweckbündnis, doch für Ankara ein Horrorszenario. Doch Erdogan wagte es nicht mit dem großen „NATO-Bruder“ zu brechen. Die Erfolge der USA in Syrien sind da, aber sind überschaubar. Noch dazu wird die PYD-Miliz mittlerweile auch von den Russen heftig umworben und mit Air-Support bedacht. Mit zwei Luftwaffen über den Köpfen sind die Erfolge der Apoisten (Spitzname für Anhänger des PKK-Gründers Abdullah Öcalan) gegen den IS, aber auch gegen syrische Rebellen leicht erklärt.

Washington konnte den IS graduell schwächen und während es noch Monate oder gar Jahre dauern mag bis der IS (in Syrien und dem Irak, andere Ableger tauchen etwa in Libyen und Afghanistan auf) zerschlagen ist, änderte sich das syrische „Spielfeld“ dramatisch.

TÜRKEI:

Die Position der Türkei im syrischen Bürgerkrieg wird seit Jahren kritisiert, auch Vorwürfe, man habe den IS direkt/indirekt unterstützt, waren ein verlässlicher Bestandteil dieser Vorwürfe. Gefüttert wurden diese Vorstellungen natürlich von der syrisch-kurdischen Miliz PYD, die ihr Territorium gegen die von Ankara favorisierten Rebellenmilizen (FSA, Ahrar as-Scham) ausweiten wollte/will. Doch lassen wir mal die PYD-IS Problematik beiseite und konzentrieren uns auf das, was wir wissen.

Ankara hat durch Erdogans Vorpreschen bereits früh auf die (mehrheitlich sunnitische) Opposition gesetzt und den Sturz Assads als Ziel ausgegeben. Sobald sich die ersten Milizen bildeten (allen voran desertierten Soldaten und Offizieren der Armee, die sich unter dem Dach der FSA zusammenfanden) nutzten diese das türkische Grenzgebiet als sicheren Rückzugsort. Die Türken ließen dabei eher Waffen passieren, als dass sie wirklich eigene Waffen den diversen Rebellen zur Verfügung gestellt haben (bestes Beispiel die TOW-Panzerraketen für diverse Rebellengruppen). Der Grund dafür ist im Grunde einfach: Erdogan musste zurecht davon ausgehen, dass auch extremistische Gruppen unter den Rebellen wie der Al-Qaida Ableger Nusra-Front in den Besitz türkischer Waffenlieferungen gelangen würden. Daher wollte man am liebsten „fremde“ Waffen für politisch nahe stehende Gruppen direkt verteilen (etwa den turkmenischen FSA-Brigaden ). Ob das immer gelang, darf bezweifelt werden.

Das Misstrauen Washingtons in Bezug auf diese Aktivitäten Ankaras war nicht unbegründet, denn die Nusra-Front koordinierte sich mit jenen islamisch-konservativen Milizen, die die Türkei mit Waffen bedachte. Der Gegensatz zwischen Ankara und Washington war somit wechselseitig. Ankara sah in der PYD/PKK einen Gegner und Washington sah in der Nusra-Front einen Gegner (und misstraute aber auch gemäßigt-islamischen Gruppen).

RUSSLAND:

Ich will die Leser überraschen, in dem ich zuerst schreibe, was Putin alles richtig gemacht hat.

  • Er ist mit der Syrien-Intervention ein Risiko eingegangen. Westliche und türkische Politiker scheuen das Risiko in der Regel.
  • Er sah die Unentschlossenheit des Westens und das Misstrauen gegenüber Ankara.
  • Der alte Geheimdienstler Putin analysierte seinen türkischen Gegenspieler Erdogan richtig. Erdogan ist ein Zauderer (spätestens seit dem Libyen-Krieg auch offensichtlich).

Und dennoch hat er durch seine Aktion bereits einige Dinge damit ausgelöst.

  • Ankara beteiligte sich nicht an den westlichen Sanktionen gegen Russland. Erdogan brachte die Türkei auf einen eigenständigeren, außenpolitischen Kurs (vor allem gegenüber Washington). Das ist nun futsch, „dank“ Putin.
  • Russland kann die Türkei in Syrien ärgern, die Türkei kann aber die Russen im Kaukasus und anderen Konfliktfeldern ärgern. Das heißt: Mehr Konfliktpotenzial für beide Seiten.
  •  Mit seiner „kühnen“ Aktion kann Putin zwar von der Rezession zuhause ablenken, stärkt aber jene Kräfte in Europa, die die Sanktionen verlängern wollen.

Wie weiter oben gesagt: Der Bürgerkrieg ist noch nicht vorbei, die Handlungen der jeweiligen Akteure außerhalb Syriens nicht immer vorauszusehen. Aber eines ist gewiss: Der Block um Putin will den Vasallen Assad im Amt halten und ist dafür bereit Risiken einzugehen. Der westliche Block und auch die Türkei sind sich weder in puncto Assad einig, noch ob sie wirklich die Konfrontation mit den Säbel rasselnden Russen riskieren sollen. 

 

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2 Gedanken zu “„Great Game“ im syrischen Bürgerkrieg

  1. Naja, das Bab-al Hawa gibts ja auch noch, also „zum Erliegen“ kommen wird wohl nichts, nur schwieriger wird es nicht von den Russen weggebombt zu werden.

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