Zum Schulterschluss von Erdogan und Putin

Aus meiner (kleinen) BA-Arbeit zitiert. Man bedenke, besagte Arbeit ist vor dem Ukraine-Konflikt entstanden:

 

Die Türkei und die Russländische Föderation waren Gegenspieler, als es noch das Osmanische und das Russische Reich gab, sie waren in unterschiedlichen Blöcken während des Kalten Krieges und dennoch sagt der bekannteste türkische Historiker Ilber Ortayli:

„Birinci Cihan Savasi’nda ne düsünüyordu halk? Hepsi Ingilizler’den nefret ediyorlardi. Ama Ruslar’dan bahseden yoktu. Ve hatta iki tarafi taniyan Sarikamis cephesinde bizim karsimizda dürüst bir düsman vardi diyorlardi.“ (Ortayli 2009: 178)

„Was dachte sich das osmanische Volk im ersten Weltkrieg? Alle hassten die Engländer, natürlich. Aber niemand sprach vom russischen Kriegsgegner. Viel mehr sprach man auf beiden Seiten von Sarikamis (Kaukasusfront, Anm.) über den jeweiligen Gegner respektvoll.“

Diese Aussage, eingebettet in einem längeren Essay über die russisch-türkischen Beziehungen heute, ist deshalb interessant, weil der Autor ein von Stalins Deportationen betroffener Krimtatare ist. Dennoch sprich Ortayli frei von emotionalen Belastungen über die ambivalenten Beziehungen in der Vergangenheit und spricht sich aber gerade deswegen, weil sie also nie rein negativ waren, sondern seiner Meinung nach vielschichtig seien, für eine nachhaltige Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen aus. Ortayli geht sogar so weit zu behaupten, die Russen würden das Schicksal der Türken teilen, da auch sie von den Europäern als Parias gesehen werden würden (vgl. Ortayli 2009: 179 ff.).

Davutoglu geht in seinem Buch auf die Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation (BSEC) ein, die bereits 1992 in Istanbul gegründet worden ist und nebst den Schwarzmeer-Anrainern, also inklusive der Türkei und Russland, auch andere Länder als Mitglieder gewinnen konnte. Doch erst mit der AKP-Regierungsübernahme und dem erwachenden Interesse der EU im Zuge der Schwarzmeersynergie gewann die BSEC an Bedeutung. Dieses Potenzial sieht Davutoglu bereits 2001 und behandelt die BSEC in einem eigenen Kapitel. Er macht – ähnlich wie Ortayli – darauf aufmerksam, dass das Potenzial der BSEC, die stellvertretend für die russisch-türkische Zusammenarbeit gelesen werden kann, davon abhängt, ob und wie weit Russland und die Türkei ihre gemeinsamen Interessen vor etwaigen Differenzen stellen können (vgl. Davutoglu 2001: 275 ff.).

Die Türkei und Russland stehen im Syrienkonflikt auf unterschiedlichen Seiten und auch wenn der Syrienkrieg immer weitere Bahnen zieht und die gesamte Region zu destabilisieren droht, Länder wie den Iran oder Saudi-Arabien angelockt hat, so ist dennoch augenscheinlich, wie sehr sich beide Mächte trotz (sic!) Syrien im direkten Austausch mit Vorsicht behandeln. Sowohl der türkische Premier als auch der russische Präsident sind bekannt für ihre Bereitschaft „auf den Tisch zu hauen“. Beim Besuch des türkischen Premiers in St. Petersburg machten beide bei der Pressekonferenz klar, dass sie in Bezug auf Syrien die jeweils andere Seite unterstützen und dennoch blieb es dabei. Keine Polemik, keine Streit. Es ist offensichtlich, dass beide Seiten wissen, dass sie auch nach dem Syrienkrieg zusammen arbeiten wollen, weil sie viele gemeinsame Interessen haben. Das geht natürlich weit über die SCO oder die BSEC hinaus, und kulminiert vor allem im energie- und sicherheitspolitischen Bereich. So hält auch der Historiker Ortayli eine Zusammenarbeit der beiden Staaten deshalb für unabdingbar, weil sie schließlich beide „asiatische“ Mächte seien.

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