Salafiyya – zwiespältige Reformer der Islam

Man soll einen Text stets mit einem knackigen Satz einleiten, der einen „Aha“-Effekt erzielt. Das tue ich hiermit:

„Es gibt weltweit keinen Muslim, der jemals von sich aus sagen würde, er sei ein Salafist oder ein Salaf“, schreibt Muhammad Sameer Murtaza in seinem paper „Was ist die Salafiyya?

Aber keine Sorge, ich werde hier nicht nacherzählen, was Salaf bedeutet oder wie die historische Entwicklung der Salafiyya vonstatten ging. Da gibt es gar ambitionierte Wikipedia-Artikel. Lediglich die Wurzeln und die spätere Aufteilung der Salafiyya sollen kurz angerissen werden, weil wir dieser Tage zwar viel von „Salafismus“ reden, aber – bei allem gebotenen Respekt – nur wenig über diese wichtige Strömung innerhalb des Islam zu wissen scheinen. Und jene, die um ein paar Anekdoten reicher werden wollen, können sich diesen Beitrag zu Gemüte führen.

Was würde ein regelmäßiger Zeitungsleser in Österreich denken, wenn man ihm sagen würde, dass die Begründer des Salafismus nicht nur finstere Gestalten aus der Wüste waren, sondern mitunter liberale Reformtheologen oder gar Freimaurer?

Erbost den Kopf schütteln würde ein solcher Zeitungsleser. Verständlich. Denn er hat bis dato noch nie von Jamaladdin al-Afghani oder Muhammad Abduh gelesen. Beide waren übrigens führende Logenmitglieder im damals von den Briten kontrollierten Ägypten. Was übrigens nicht gegen sie spricht, da die Freimaurer entgegen der allgegenwärtigen Mystifzierungen im Grunde nur intellektuelle Zirkel bildeten – zumindest früher.

Al Afghani und sein Schüler Abduh waren in ihrer Zeit radikale Denker, die die tradierten Formen und Ideen der islamischen Welt zurückwiesen und ganz neue Wege zu gehen bereit waren. Es wäre kaum möglich die Positionen der beiden kurz und bündig wiederzugeben, aber allein der Hinweis, dass sie etwa ein Kalifat vorschlugen, das rechtlich geregelt war und sogar eine gewöhnliche Absetzbarkeit vorsah, müsste genügen.

Was würde ein regelmäßiger Zeitungsleser in Österreich denken, wenn man ihm sagen würde, die Salafiyya sei ein Reformprozess im Schatten der europ. Kolonialisierung gewesen?

Ungläubig den Kopf würde er schütteln. Salafisten sind doch diese finsteren Gesellen, die Frauen versklaven, Menschen öffentlich kreuzigen und ihre brutalen Methoden auch noch zu Showzwecken instrumentalisieren. Und ein solcher Leser hätte im Grunde auch Recht, denn die Salafiyya ist zwar ursprünglich breit angelegt gewesen (vom dogmatisch-puritanischen Wahabismus bis hin zu Reform-Salafiyya a la Abduh), aber der reformistische Aspekt ging mit der Zeit stärker zurück.

Wichtig daran ist aber Folgendes: Ob salafistische Reformisten oder Dogmatiker, die Idealisierung der frühislamischen Vergangenheit eint sie beide, nur sehen sie eben jene Vergangenheit in einem unterschiedlichen Licht. Die einen sehen den Koran als nicht zu interpretierendes Wort Gottes, was ihre militante und unbarmherzige Entwicklung in weiterer Folge erklärt. Die anderen sehen im Koran hingegen eine Leitschnur, die allerdings genug Freiraum für Interpretationen und vor allem neue Ideen bietet.

Oder knackiger formuliert: Während die einen Salafisten den Propheten als finsteren und unbarmherzigen Glaubensstreiter sehen, sehen ihn die anderen als Reformer und gewissermaßen als „Philosophenkönig“. Und dennoch ist alles Salafiyya.

Ob die heutigen IS Kämpfer in Syrien und dem Irak über derlei Dinge Bescheid wissen, kann bezweifelt werden. Denn während im historischen Kalifat Kultur und Bildung großgeschrieben worden waren, sehen sie in Kultur und Bildung Gefahren für ihre neuzeitliche Interpretation (sic!) des frühen Kalifats.

Und eine schöne Anekdote für den Abschluss: Auch Österreich brachte einen „Salafisten“ hervor und es gibt gar einen Platz in Wien, der nach ihm benannt worden ist. Schon erraten? Die Rede ist von einem österr. Juden namens Leopold Weiss, den die islamische Welt allerdings als Muhammad Asad kennt. Dieser Asad kann der Reform-Salafiyya zugerechnet werden und sein Buch „Islam at the Crossroads“ gilt als eines der wichtigsten Beiträge im Zuge der innerislamischen Debatte.

Aber bitte nicht dem Strache weitersagen, sonst will er noch den Muhammad Asad Platz umbenennen lassen.

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Ein Gedanke zu “Salafiyya – zwiespältige Reformer der Islam

  1. Ich glaube man muss Salafis (im Sinne der aktuellen Debatten) als eigene Bewegung sehen. Diese Bewegung belegt den Begriff heute.

    Dieser Beitrag hier zeigt m.E. ganz gut, dass sich unter dem Begriff Salafi viel verstehen lässt und die Ideengeschichte so vielfältig ist, wie die des Islams selbst. Ein Rückgriff auf Asad, Abduh oder Afghani hat mit der Realität der heutigen Salafis (insb. die für uns interessanten) wohl wenig zu tun. Das wird ja auch in deinem Beitrag deutlich. Vieles der Geschichte des salafismus würde deswegen jeden Zeitungsleser überraschen aber gerade deswegen, weil der Rückgriff zu weit führt. Eben in eine Geschichte von der sich Salafis, die der Zeitungsleser kennt, abgekapselt haben.

    Interessant wären Vergleiche zwischen den Ideen von Galionsfiguren der modernen salafiyya mit Ideen von Asad, Abduh und Co.

    Salafis bezeichnen sich schon selbst als Salafis. Unter saudischen Gelehrten streitet man sich ja eben darüber, ob dies denn kein Eigenlob sei.

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