Politisierte Konfessionen in der Türkei

Unter dem Lack der parteipolitischen Präferenz pulsiert in der Türkei die Krankheit namens politische Konfession. Bereits in den 60ern tarnte sich dieser politische Faktor als weltanschauliche Ausrichtung nach links oder eben rechts. Die 60er bis 80er waren von Gewalt zwischen linken und rechten Gruppen geprägt. Sie erschossen einander, stachen sich gegenseitig nieder oder schossen auf fahrenden Autos aus die Cafes der jeweils anderen. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände nahmen Militärs zum Vorwand, um insgesamt dreimal zu putschen und eben jene linken und rechten Aktivisten massenhaft zu verhaften.

Man beurteilt die damalige Lage eindimensional. Denn wenn man sich die linken und rechten Aktivisten genauer angesehen hätte, wüsste man, dass es eine weitere Ebene unter der Weltanschauung gab. Grob gesagt: Sunniten rechts, Aleviten links – wobei das „rechts“ und „links“ wieder stark geprägt war von diesem historischen Gegensatz zwischen dominanten Sunniten und der Minderheit der Aleviten.

Die „Blütezeit“ der klassischen Links-Rechts Auseinandersetzung ist vergangen, auch wenn es natürlich eine sozio-politische Erblast gibt. Was jedoch schwerer wiegt, ist der Umstand, dass die Dichotomie zwischen Sunniten und Aleviten geblieben ist und sich nach wie vor nicht gänzlich zu erkennen gibt. So ist heute etwa der Gegensatz zwischen AKP und CHP auch der Dichotomie zwischen Sunniten und Aleviten geschuldet.

Toxisch

Wenn sich Weltanschauung und konfessioneller Zwist vermischen, wird dieses Amalgam toxisch werden. Das ist unausweichlich. Wenn allerdings besagte Konfessionen zusätzlich politisiert werden, und zwar von jenen, die vorgeben, ihre Konfession stärken oder beschützen zu wollen, dann wird es super-toxisch.

Das Phänomen Islamismus ist ja im Grunde ein „sunnitisches“ Phänomen. Man könnte Islamismus also durchaus wiedergeben als politisches Sunnitentum. Ebenso könnte man die Reaktion auf das politische Sunnitentum politisches Alevitentum nennen. Mutationen ihrer spirituellen Ursprungsform also, die noch dazu von übereifrigen, in ihrem Denken aber oftmals vollkommen säkularisierten, jungen Männern präferiert werden.

Diese Erblast, die mindestens seit den 60ern besteht, bestimmt im Grunde die politischen Konfliktfelder der Türkei. Selbst in der kurdischen Nationalbewegung gibt es diese Bruchstelle zwischen kurdischen Sunniten und Aleviten.

Erdogan in Köln

Und am 24. Mai wird Erdogan in Köln zum 10-jährigen Jubiläum der UETD einen Wahlkampfauftritt abhalten (im August gibts ja Präsidentschaftswahlen). Und was wir wirklich sehen werden, wird der historische Gegensatz zwischen politischen Aleviten (als Demonstranten) und politischen Sunniten (als Anhänger Erdogans) sein. Wir werden also jene in Aktion erleben dürfen, die dafür gesorgt haben, dass seit den 60ern so viele TürkInnen das Land verlassen mussten, wir werden also jene sehen, die für die anhaltenden Probleme stehen, aber eben nicht für die die Durchbrechung der Gegensätze.

Und nach der Veranstaltung werden sich beide Seiten als Sieger fühlen und werden ihren Jugendlichen und Kindern eimbläuen, jenen Weg zu beschreiten, der die Türken bis heute zwingt, ihre Identitäten konfessionell überladen zu lassen. Auf ein weiteres Jahrzehnt des konfessionelles Zwistes! /irone

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