Auf Wiedersehen Rumelien (Elveda Rumeli)

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Ich war in der türkischen Provinz Canakkale, in der Herkunftsprovinz meines Vaters. Das Dorf meines Vaters heißt Yeniciftlik („Neue Farm“) und verweist bereits darauf, dass das Dorf nicht sonderlich alt sein kann. In der Tat wurde es nach dem großen Krieg 1878 zwischen Russland und dem Osmanischen Reich von Vertriebenen Muslimen vom Balkan gegründet.

Die meisten Dörfer in der Provinz Canakkale sind späte Gründungen von vertriebenen Muslimen. Es gibt tscherkessische, tschetschenische, kumükische, pomakische, bosniakische,… Dörfer. Als die ehemaligen Gebiete des Osman. Reiches nach und nach verloren gingen, wurden auch die einheimischen Muslime bzw. türkischstämmigen Zuwanderer (,die aber wiederum viele Generationen am Balkan oder dem Kaukasus gelebt haben zum Zeitpunkt der Verluste) größenteils vertrieben oder vor Ort ermordet. Insbesondere Griechen und Bulgaren waren rigoros im Zuge ihrer Nationenwerdung.

So die Vertriebenen Leib und Leben retten konnten und sich über Ostthrakien auf ganz Anatolien verteilen ließen, was für den ohnehin schwachen Osman. Staat eine große Belastungsprobe war, waren die Probleme nicht zu Ende. Hunderttausende vertriebene Muslime ohne Hab und Gut mussten noch vor dem nächsten Winter über das Land verteilt werden, damit sie ehebaldigst das Land bestellen und sich zumindest selbst versorgen konnten. Insbesondere die südliche Marmara-Region war Ziel vieler Vertriebener, da es noch einigermaßen freie Siedlungsräume bot, die gleichzeitig Landwirtschaft zuließen. Was mit jenen Vertriebenen wurde, die mit dem zugewiesenen Land in Anatolien nicht zurande kamen, kann man an den Friedhöfen dieser meist ausgestorbenen Siedlungen sehen.

Sei es, wie es sei. Ich will über etwas anderes sprechen. Die Vertriebenen wurden, so sie nicht klar als ethnische Minderheiten in Anatolien zu identifizieren waren, als so genannte Macir zusammengefasst. Macir ist eine Verballhornung und wurde von Muhadschir(un) entlehnt. Die ersten Muslime, die Mekka zwangsweise verlassen hatten und sich nach Äthiopien abgesetzt hatten, wurden so genannt. Daher Macir. Diese meist türkischstämmigen oder später eben türkisierten Muslime des Balkans hatten und haben eine eigene Kultur, eigene Traditionen und Geschichten. Einiges konnte bewahrt werden, manches ging verloren.

Was blieb, war jedoch die Wehmut über den Verlust der altem Heimat. Die Sehnsucht nach den Höfen, Tälern, Bergen und Düften, die ihnen nicht mehr offen standen und nun neuen Besitzern gehörten. Und die Wut? Dafür war keine Zeit, man hatte weniger fruchtbares Land und musste alles aus dem Boden stampfen, während der (osman.) Staat unter Bankenkuratell der europäischen Mächte stand und kaum einen Kurus(ch) erübrigen konnte. Das band alle Aufmerksamkeit.

Der 30. August ist der so genannte „Siegestag“ in der Türkei. Man konnte die Besetzung Anatoliens durch die Siegermächte nach dem ersten Weltkrieg verhindern und seine Unabhängigkeit behaupten. Die ehemaligen Vertriebenen, die die volle Härte einer militärischen Niederlage noch in Erinnerung hatten, waren überproportional und rücksichtslos als Freiwillige bei den türkischen Streitkräften organisiert. Tscherkessen, Pomaken, Bosniaken, Macir und alle anderen wussten, was es bedeuten kann, wenn man einen Krieg verliert, den man nicht selber verantwortet hat.

Rund um das Marmara Meer verehren die Menschen Mustafa Kemal Atatürk, also den Begründer der türkischen Republik, besonders. Und das dürfte einen grundlegenden Grund haben. Die Menschen, insbesondere die Macir, sehen Mustafa Kemal als einen der ihren an. Einen Rumelier. Er repräsentiert für sie eine neue Heimat, die sie selber – obwohl neu angekommen – mitgeprägt und mitgestaltet haben. Noch heute finden sich viele Macir in den obersten Reihen des Staates und der Gesellschaft.

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