Ein Wirtschaftsminister im Kursalon und warum der Kolonialismus uns nicht loslässt


Ich durfte im Rahmen des Besuchs des türkischen Wirtschaftsministers, Herrn Zafer Caglayan in Wien ein Abendessen im Kursalon zu Wien moderieren. Der Wiener Unternehmerverband MÜSIAD hatte das Ganze veranstaltet und mich gefragt, ob ich denn Lust hätte. Nebst meiner panischen Angst vor Vorträgen und einer bereits attestierten Soziophobie, sah ich einfach eine willkommene Abwechslung und einen leichten Zug meiner eigenen Eitelkeit.

Ich will nicht mit Details langweilen, aber etwas feststellen, eine Beobachtung teilen, wenn man denn so will:

Zafer Caglayan war Handelsminister im letzten AKP Kabinett und stammt aus einfachen Verhältnissen. Kurdischer Abstammung und Self-made Man. Er hatte die tiefe Demütigung seines Landes 2001 als Teil einer Abordnung des damaligen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit (sozialdemokratisch, ebenfalls kurdischer Abstammung, Spitzname „Kara Oglan“, also „schwarzer Junge“) in Amerika im Rahmen der Verhandlungen mit der IWF mit an sehen müssen. Für einen Notkredit von einer knappen Mrd. $ hätte man sich dazumal regelrecht auf die Knie begeben und wäre dennoch um ein Haar abgeblitzt und dies obwohl sich der IWF mit dem hohen Zinssatz eine goldene Nase verdient haben würde (in weiterer Folge und mit weiteren Krediten).

Und heute? Heute hätte man den IWF nicht mehr nötig, man hätte sogar 5 Mrd. $ zur Liquidität des IWF beisteuern können, um den Ländern in Not zu helfen. Europa würde es noch bereuen, dass es die Türkei so lange hätte warten lassen; es könnte ja sehr gut sein, dass die Türken gar nicht mehr zur EU wollten.

Doch was ich am Podiumsrand eigentlich hörte, war eine tiefe und anhaltende Kränkung eines Mannes und eines Landes, das nach wie vor und unablässig die Aufmerksamkeit und die Auseinandersetzung mit dem europäischen „Stiefvater“ (im Zuge des verordneten Kemalismus) sucht.
Man kann den eigenen Erfolg oder den entsprechenden Misserfolg des anderen nicht wirklich genießen, weil die Genugtuung aufgrund der historisch belasteten Beziehungen und Demut verkündenden Erfahrungen mit Europa nicht ankommen will.

Das Problem der Nicht-Europäer, ja selbst der Türken, die sich erfolgreich der Kolonialisierung entziehen konnten, ist nach wie vor, dass sie mit Faszination, Ekel, Begeisterung, Abscheu, Neid, Anerkennung, Sehnsucht und Hass nach Europa schauen. Und Beziehungen, die von einer solch schizoiden Natur sind, können niemals Heil bedeuten – für keinen.

Ich beziehe mich hierbei nur nebenbei auf die Person des türkischen Wirtschaftsministers, der ein jovialer, kompetenter und redseliger Mensch ist. Es ist also keine Kritik an seinem Wirken, lediglich eine Reflexion ausgehend von seiner Ansprache. Möge er noch viele Mrd. $ erwirtschaften, die man dann dem IWF zur Verfügung stellen kann 🙂

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