Al Jazeera, die Saudis und Erdogan

Mubarak ist weg, nicht ganz weg, noch nicht, und seine ehemaligen Günstlinge in der Politik, in der Wirtschaft wie auch dem Militär sind nach wie vor tätig und am Werk. Dennoch hat die Revolution gewonnen – es war kein totaler Sieg, aber ein empfindliche Niederlage für einen autoritären, repressiven Polizeistaat. Natürlich müssen nun die nächsten Schritte gesetzt werden, denn es wirkt reichlich obskur, wenn ein Mubarak-treuer Armeechef den Übergang Richtung Demokratie flankieren soll. Das ägyptische Volk muss also dran bleiben, sowie freie und faire Wahlen schnellstmöglich abgehalten werden.

Es gab viele Helden, viele erzählenswerte und vielleicht sogar filmreife Einzelschicksale und auch Hunderte Märtyrer. Doch einen relevanten Faktor darf man nicht vergessen, auch wenn westliche Kommentatoren und Medien dies wohl gerne sehen wollen würden: Der katarische Sender Al-Jazeera hat wie schon zuvor in Afghanistan und dem Irak Entscheidendes geleistet und ließ sich auch nicht durch Terror und Einschüchterung von der Arbeit abhalten. Viele Menschen in Europa und Nordamerika, in der Türkei wie auch in Nahost haben die letzte Woche wohl täglich den Live Stream des Senders mit Spannung verfolgt. Al Jazeera wird nach wie vor von den USA wie auch den medienpolitischen Akteuren (meist westliche natürlich) argwöhnisch beäugt und gerne im Dunstkreis von Al Qaida und Konsorten verortet, doch die Wahrheit spricht für sich selbst. Während im westlichen Kulturkreis nach wie vor das primäre Interesse das eigene ist, solidarisierte sich der Sender mit den ägyptischen Massen. Noch heute wird von LA bis Wien (siehe Standard.at, Gudrun Harrer) die Revolution in Ägypten nur über die eigene Sicherheit und die spezifischen Eigeninteressen diskutiert. Deswegen bin ich persönlich erfreut darüber, dass Al Jazeera auch am türkischen Fernsehmarkt beteiligt sein wird. Al Jazeera hat einen ehemaligen Pay TV Kanal namens Cine 5 gekauft (~40 Mio. Dollar) und die erforderlichen Genehmigungen erhalten (siehe: http://zaman.com.tr/haber.do?haberno=1092390&keyfield=43696E652035 ).

Al Jazeera wurde vom Katarischen Emir al-Thani gegründet und wird nach wie vor von der Emir-Familie finanziell unterstützt. Der Emir ließ sich zu keinem Zeitpunkt erpressen, denn sowohl arabische Potentaten als auch amerikanische Emissäre versuchten immer wieder zu intervenieren und al Jazeera mundtot zu machen, was der Emir immer wieder mit Verweis auf die Pressefreiheit ablehnen durfte.

Katar? Katar ist ja auch als politischer Akteur aktiv und in letzter Zeit im Verbund mit der Türkei bestrebt konstruktive und positive Schritte im Nahen und Mittleren Osten zu machen (siehe diplomatische Bemühung um Beilegung der libanesischen Regierungskrise).

Worauf ich hinaus will?

Man darf die Revolution in Ägypten nicht isoliert sehen, sondern muss den regionalen Kontext bedenken. Es gibt zwei große Lager: Die Saudis führen das eine Lager an und unterstützen und subventionieren alle arabischen Potentaten, die sich gegen den iranisch-schiitischen Einfluss und Anspruch um einen „Platz an der Sonne“ stemmen. Deswegen auch die klare Pro-Mubarak Haltung Riads im Zuge der Proteste, schließlich fürchtete man – nicht nur um die „Stabilität“ im eigenen Land – einen weiteren Aktivposten zu verlieren.  Der Libanon wird mittlerweile indirekt vom Iran dominiert (via Hisbollah Verlinkung), die von den Saudis unterstützte Fatah ist ebenso am absteigenden Ast, Jordanien, Jemen, Katar, Syrien sind ebenso heiß umkämpft und nun hat man Ägypten verloren (schließlich sieht die iranische Führung den Regimewechsel im Zeichen der islamischen Revolution).

Der Iran führt das islamisch auftretende respektive schiitisch determinierte Lager an und bemüht sich im Jemen, im Libanon, im Irak und will den großen Gegenspieler in Riad an die Wand manövrieren.

Aber im Grunde kann man beide Blöcke auf reine Machtpolitik und das Ringen zweier autoritär ausgerichteter Fraktionen reduzieren. Doch die Türkei und Katar bilden – und an der Stelle bin ich eingedenk meiner Herkunft vielleicht schon gar nicht mehr um Objektivität bemüht – einen eigenen Block, zumindest gibt es Ansätze hierfür und da der Emir von Katar um die Pressefreiheit bemüht ist und die Türkei eine Demokratie mit muslimischer Bevölkerung ist, könnte man doch davon träumen, dass hier ein demokratisch orientierte Alternative keimt. Schließlich war es ein Erdogan, der im Gegensatz zu seinen westlichen Amtskollegen von Anfang an Mubarak zum Rücktritt aufrief und es war der Sender al Jazeera (und damit der Emir), der diesen Umsturz mit ermöglichte. Und wünschen wir uns nicht alle mehr Demokratie in der islamischen Welt?

In diesem Sinne: Gute Nacht an alle Potentaten und deren Unterstützer aus aller Welt.

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