Erlösung im Tod

Ein Jahr ist es nun her seit mein Opa von dieser Welt gegangen ist. Ich hatte die Möglichkeit ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. Und auch wenn der Tod eines geliebten Menschen stets die Tore der Trauer aufstößt, so muss man dennoch dankbar sein, dass man am Ende des Weges ein letztes Mal Lebewohl sagen kann. Denn so unausweichlich der Tod für uns alle auch sein mag, so erlösend kann er für jene sein, die von schwerer Krankheit gezeichnet sind. Mein Opa war sehr krank. Alzheimer. Ein Wort, ein Fluch. Für den Kranken, für die Angehörigen. Es gibt viele Krankheiten, die den Menschen plagen und manche davon führen uns gar in die Hallen der Toten. Doch von all diesen Krankheiten ist Alzheimer eine besonders tückische, man will fast sagen besonders boshafte. Denn sie verschlingt den Geist des geliebten Menschen – Stück für Stück. Jeden Tag wird es ein wenig dunkler um das Licht der Seele. Die klaren Momente hingegen werden weniger und weniger. Die Augen verraten es. Müde und lichtlos werden sie, trüb gleiten sie über die Gesichter der Angehörigen. Aber sie erkennen nicht, kein Aufblitzen, kein Erkennen. Und dennoch gibt man die Hoffnung nicht auf. Wie denn auch? Der Mensch vor deinen Augen ist dein Großvater, aber sein Geist wird zusehends vernebelt. Und irgendwann verschwindet er ganz hinter den dichten Nebelschwaden des Niedergangs. Aber die verzweifelte Hoffnung wird immer wieder genährt. Ein kurzes Aufflackern des Geistes, ein Aufblitzen in den schweren Auge

“Ruşen, bis du es?”

“Ja, Opa, ich bin es. Ich bin aus Österreich gekommen, nur um dich zu besuchen.”

Das Herz rast, den Tränen nahe. Hoffnung keimt auf, wo keine sein dürfte. Kämpft er sich zurück? Hat er die Nebel durchstoßen und ist zu den Seinen zurückgekehrt? Ja. Das muss es sein. Wenn jemand dieser Krankheit Herr werden kann, dann mein Opa. Ein Prachtkerl, ein Kämpfer. Er kam mit 12 Jahren als Vollwaise nach Istanbul und biss sich Zeit seines Lebens durch. Nichts konnte ihn niederringen, nicht einmal der Koreakrieg. Er wirft die Fesseln seiner Erkrankung ab, wie er durch harte Arbeit die Last der bitteren Armut abgeworfen hatte. Ja, mein Opa ist eine medizinische Sensation. Die Ärzte hatten gesagt, es würde unaufhaltsam sein, grausam zuweilen und doch wussten sie nichts von diesem Kämpferherz, das noch immer wild in seinem Brustkorb schlug. Der Schrei seines Geistes musste die Nebel durchstoßen haben. Ja. Bitte.

“Wer bist du, junger Mann?”

Wie eine Klinge schneiden mir seine Worte durchs Herz. Dieser kurze, klare Moment ist weg. Ah, Opa. Du hattest all deine Kraft aufgebracht, um für einen kurzen Augenblick ans Licht der Welt zu treten, nur um von deiner Heimsuchung umgehend wieder verschlungen zu werden. In deinen Augen sehe ich, dass du nicht mehr da bist. Nur dein Leib leidet weiter. Grausam. Diese wenigen lichten Momente sind so kostbar wie sie selten sind und immer seltener werden. So bitter es scheint, so sehr ist es eine letzte Hoffnung darauf dem geliebten Menschen noch Dinge zu sagen, die man all die Jahre nie gesagt hatte. Immer in der Hoffnung – immer – die Worte würden schnell genug gesprochen, um noch zu ihm durchzudringen. Jedes Wort könnte das letzte sein, dass man ihm mit auf den Weg gibt. Jede Umarmung die letzte Ration Liebe, die er in seinem nebligen Gefängnis brauchen kann, wie ein Durstender das Wasser braucht.

Aber es ist nicht aufzuhalten. Die Ärzte irren sich nicht. Es wird dunkler und dunkler, das Licht der Seele ist nur noch eine flackernde Kerze im Herzen einer finsteren, einsamen Nacht. Der Tod kann Erlösung bringen. Mein Opa kämpfte auf verlorenem Posten. Für jeden kostbaren Augenblick der Klarheit, musste er bezahlen. Jedes Mal wurde der Nebel nach so einem Moment grauer, fester, stärker. Dennoch kämpfte er, um den Seinen ein paar wenige Augenblicke zu schenken. Daran glaube ich ganz fest. Ein paar, kurz Momente, damit wir ihm noch Dinge sagen konnten, die wir vor seiner Krankheit nie gesagt hatten. Worte der Liebe, der Sehnsucht, aber auch des Bedauerns, des Scheiterns. Dem geistigen Verfall folgte der körperliche, das ist die letzte Stufe dieser Krankheit. Am Ende wog mein einst stattlicher Großvater nur noch 38 Kilo. Sein Geist war vollends entglitten, sein Körper ertrug diese Einsamkeit nicht. An einem kalten Dezembertag wachte meine Oma frühmorgens auf und mein Opa war friedlich entschlafen. Das Leiden hatte ein Ende gefunden, der Kampf war vorbei. Sein wildes Herz war verstummt. Es hatte ihm treu gedient.Die Nachricht von seinem Tod ließ auch mich verstummen. Bis heute. Und jetzt schreiben sich die Worte wie von selbst, meine Finger fliegen über die Tastatur. Löst sich die Last der Trauer von meinem Herzen oder braucht man einfach seine Zeit, um Trauer auf diese Weise zu verarbeiten? Ich weiß es nicht. Es tut gut zu schreiben, sich zu erinnern. Denn das ist, was bleibt. Von den geliebten Menschen bleiben Erinnerungen. Und die gilt es zu konservieren, zu behalten, zu verehren. Denn der Tod ist endgültig.

Der Tod ist kalt. Eine absolute, endgültige Kälte. So wie wahre Finsternis die absolute Abwesenheit von Licht ist, so ist die Kälte der Toten die letzte Kälte. Als der Leichnam meines Opas für die Beerdigung rituell gewaschen werden sollte, war es an mir ihn aus der Kühlkammer zu holen und zum rituellen Waschraum zu bringen. Er war in seiner Lieblingsdecke eingehüllt. Nur seine Füße ragten heraus. Ich ergriff sie und ich spürte diese Kälte, die mir sofort ins Herz zu kriechen schien. Der kalte Tod. Es gab keinen Zweifel mehr, mein Opa hatte all das hinter sich gelassen. Sein Leib war nur noch eine verwelkte Hülle. In meinen Erinnerungen wird sie keine Rolle spielen, denn ich werde mich an ihn so erinnern, wie er vor seiner Krankheit war. Stattlich, pechschwarzes Haar, seine beige Lieblingsweste im Sommer und Winter überziehend. Ja, das ist mein Opa. Zwei Generationen, zwei Ruşens. Der eine ist fort, der andere wandelt weiter in dieser Welt. Ich sehe die rituelle Waschung, das Tragen des Sarges auf den Schultern, das Ablegen im Grab als letzten Dienst an ihm. Es war nicht der Tag meiner Trauer, es war sein letzter Weg. Auf den Schultern jener, die ihn geliebt und geachtet haben. In so einem Moment funktioniert man, man muss. Man ist der älteste Enkel, trägt seinen Namen und auch wenn man in der Fremde geboren und aufgewachsen ist, ist das keine Entschuldigung. Keine Entschuldigung für Abwesenheit. Das sagte ich am Tag seiner Beerdigung immer wieder, wenn Angehörige ob meiner Anwesenheit überrascht zu sein schienen. Meine Trauer schloss ich in mich ein, andere durften trauern, ich hatte mich um meinen Opa zu kümmern. Er hatte es verdient, dass sein Enkel ihn den ganzen Weg begleitet – in stiller Würde. Ich bin keinen Augenblick von seiner Seite gewichen. In der Moschee während des Totengebets nicht, in der Bestattungszentrale nicht, am Friedhof nicht. Nein. Würde und Beistand, das hatte er verdient.

Ich war wie versteinert. Als die Angehörigen und Nachbarn im Innenhof seiner Lieblingsmoschee vor seinem Sarg in Tränen ausbrachen, tröstete ich sie. Meine Trauer lag gut verschlossen auf dem Grund meiner Seele. Mein Großvater hätte es so gewollt. Da bin ich mir sicher. Ein steinernes Schloss verbarg meine Trauer, eine steinerne Maske aus Trotz meine Tränen. Ich war so versessen darauf an diesem Tag zu funktionieren und anderen eine Stütze zu sein, dass mein Herz kalt und steinern geworden war. Nichts sollte es an diesem Tag durchdringen. Nichts. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir draußen vor der Bestattungszentrale darauf warteten, dass wir eingelassen werden. Um uns herum waren viele andere Familien, die bittere Tränen vergossen. Manche fielen in Ohnmacht, andere weinten still in sich hinein. Ich war pflichtbewusst. So seltsam sich das auch anhören mag. Ich wartete also direkt am Eingang bis ein Beamter den Namen meines Opas in den Hof rufen würde. Während ich abgesondert von der Familie auf den Moment wartete, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich abschweifte. Ich musste mich zusammenreißen, damit die losen Gedanken nicht auch Trauer mit auf die Oberfläche spülten. Ich war um Fassung bemüht, ich musste einfach funktionieren. Ja, das war meine Pflicht.

Just in so einem Moment des inneren Kampfes, sah ich einen jungen Mann aus den Eingeweiden des Gebäudes kommen. Seine Schritte schwer, seine Augen feuerrot. Er war aus einem bestimmten Grund da, so wie wir alle. Und doch war seine Last ungleich schwerer. In seinen Händen trug er einen sehr kleinen Sarg. Den Sarg seines verstorbenen Kindes. Noch kein Jahr alt. Dieser Anblick ließ meine steinerne Maske fallen. Eine Träne entkam meiner Selbstbeherrschung. Die Knie zitterten. Denn das war eine Last, die kein Mensch je ertragen sollte. Während der junge Vater an mir vorbeiging und die erschreckten Gesichter der Anwesenden nach sich zog, rief man meinen Namen. Seinen Namen. Mein Großvater war so weit. Die letzte Waschung. Es war unausweichlich. Aber ich konnte die Gedanken nicht mehr zurückhalten. Ich dachte an den trauernden Vater von zuvor und erwischte mich bei dem Gedanken, dass Trauer zwar angebracht war, aber auch Dankbarkeit. Dankbarkeit? Ja, Dankbarkeit. Denn mein Opa hatte ein langes Leben gelebt, hatte Kinder und Enkelkinder aufwachsen sehen. Er starb im hohen Alter im eigenen Bett im Frieden der Nacht und auf seinem letzten Weg war er nicht alleine. Es fanden sich genug Schultern seinen Sarg zu tragen. Und das ist eine Kostbarkeit. Das weiß ich heute. Wenn geliebte Menschen dich auf Schultern tragen und ihre Schatten auf deine letzte Ruhestätte werfen, so bist du in gewisser Hinsicht gesegnet. Denn der Tod ist unausweichlich.

Und auch wenn ich mich immer wieder dabei erwische wie ich in Istanbul an seiner Lieblingsmoschee vorbeigehe und in den Gesichtern der älteren Gläubigen ihn zu erkennen trachte, so weiß ich doch, dass er nicht mehr da ist. Diese Moschee ist in meinen Augen verwaist, auch wenn es voller Gläubiger ist. Auch seine Freunde von einst, sitzen nicht mehr gemütlich auf den Bänken vor der Moschee. Auch sie haben diese Welt verlassen. Die meisten von ihnen liegen gemeinsam mit meinem Großvater auf dem Friedhof. Nur wenige hundert Meter von ihrer geliebten Straße entfernt, in der sie Jahrzehnte lang gelebt hatten. Sie waren im Leben Nachbarn und sind Nachbarn im Tode geblieben.

karacahmet

Wenn ich zum Grab meines Großvaters gehe, erzähle ich ihm von mir, von meinen Sorgen und Freuden. Ich bilde mir ein, dass er mir stumm zuhört. Er war ja ein leidenschaftlicher Besiktas-Fan. Leider hat er die Meisterschaft letztes Jahr nicht mehr miterlebt, aber ich habe ihm davon erzählt. Auch dieses Jahr spielen sie wieder um die Meisterschaft. Ich bin noch immer nicht verheiratet, auch wenn er es gerne gesehen hätte. Zu Lebzeiten. Doch eines Tages wird er das Lachen seiner Urenkel hören können. Denn er ist hier und das wird er so lange sein, wie er in den Herzen der Zurückgelassenen weiterlebt. Denn der Tod mag unausweichlich sein, aber die Erinnerung an die Vergangenen lässt sie für uns weiterleben.

Keine Sorge, das ist keine Wahlempfehlung

Keine Sorge, ich werde euch nicht sagen, wem ihr morgen eure Stimme geben sollt. Das haben andere zur Genüge gemacht, ich werde euch also verschonen. Ich sage es auch gleich vorab, ich mag Wahlen, ich gehe gern wählen, habe noch nie eine Wahl verpasst oder gar ungültig gewählt. Man sollte sich glücklich wähnen, überhaupt wählen zu dürfen. Mag sein, dass wir hier im wohlbehaltenen Europa etwas träge von den ganzen Freiheiten geworden sind, die die Wegsteine unserer Selbstbestimmung sind. Dennoch sollten wir dieser Freiheiten niemals überdrüssig werden.

Aber ich bin nicht naiv. Als Gastarbeiterkind darf man sich das auch gar nicht leisten. Als Sproß von „Fremden“ beginnst du dein Leben in bitterer Kälte fernab einer wärmenden Sonne. In diesem Land hat man die Freiheit zu wählen, ja. Auch wenn diese Wahlen dann von Parteien und Politikern geprägt sind, die sich nicht um die Anliegen der „Fremden“ scheren, ist es Freiheit. Die Freiheit, aus einem Bündel schlechter Optionen zu wählen, in der Hoffnung man habe das geringste Übel erwischt.

Vor einigen Jahren – ich war noch recht naiv, manche würden sagen idealistisch – habe ich mir die Gemeinderatswahlen in meiner Heimatgemeinde genauer angesehen. Ich war sogar bei einer Veranstaltung des damals amtierenden Bürgermeisters in einem urigen Gasthaus. Bürgerinnen und Bürger konnten dem Amtsinhaber Fragen stellen, Forderungen erheben oder sogar „schimpfen“. Politik zum Angreifen eben und das Ganze bei Bier und Brezeln. Die ganze Veranstaltung plätscherte gemütlich vor sich hin, bis sich ein beschwipster Landwirt zu Wort meldete. „De Tirkn…“ polterte er los. Es ging um seine wertvollen Äpfel, die ihm diese Leute wohl systematisch von den Bäumen stahlen. Und überhaupt seien zu viele von „de Tirkn“ in der Stadt.

Ich musste grinsen, weil ich dankbar war. Dankbar, da ich mich bestätigt gefühlt hatte, Politik in Gasthäusern und an Stammtischen zu misstrauen. Doch ich wurde noch überrascht. Der Bürgermeister und seine Entourage taten so als hätte der groß gewachsene Landwirt gerade einen klugen sachpolitischen Vorschlag gemacht und bedankten sich artig für die Wortmeldung.

Eigentlich wollte ich ja nur still beobachten, doch als die Veranstaltung zu Ende war, konnte ich nicht anders und ging zum Bürgermeister, stellte mich vor und fragte ganz nüchtern, warum man diese dumme, rassistische Wortmeldung nicht klar kritisiert hatte. Ich kann mich noch gut an die Überraschung in den Augen des bewährten Kommunalpolitikers erinnern, der niemals damit gerechnet hatte, dass sich ein „Tirk“ unter die Bürger mischen würde. Er fand seine Fassung schnell wieder und bot mir an am nächsten Tag im Rathaus über den Vorfall zu reden. Und was soll ich sagen, ich fühlte mich doch etwas geschmeichelt.

Am nächsten Tag fand ich mich überpünktlich dort ein und wurde ins Amtszimmer geführt. Und die folgenden Dinge teile ich nur, weil es lange her ist, der Herr lange nicht mehr in der Politik und meine Wertschätzung für die ehrlichen Worte wahrhaftig ist.

Ich sprach ihn noch einmal auf den Zwischenfall im Gasthaus an. Er schüttelte nur den Kopf und sagte etwas, dass sich seit diesem Tag tief in meine Hirnwindungen gegraben hat (die vielen Jahre mögen die Worte in meiner Erinnerung vertauscht, nicht aber den Sinn entstellt haben):

“In der Politik kann man nur aus dem, was man zur Hand hat, etwas machen. Kufstein ist in dieser Hinsicht ein schwieriges Pflaster für Migranten und man kann realistischerweise nur versuchen, das Bestmögliche für alle Bevölkerungsgruppen rauszuholen.”

Hier sprach kein Mann, der Angst davor hatte, man könne ihm Duldung von Rassismus vorwerfen. Im Gegenteil, denn wäre es publik geworden, hätte es ihm vielleicht sogar Stimmen aus dem starken Reservoir der Rechten und Rechtsrechten eingebracht. Nein. Hier sprach jemand, der sich keinen Illusionen hin gab und dank einer gesunden Portion Zynismus die harte Realität der Alltagspolitik zu ertragen gelernt hatte. Das hat mich geprägt.

Lasst euch also nicht einreden, die Probleme der Fremden und der Fremden Kinder wären mit ausgefüllten Wahlzetteln zu beheben. Über den Erfolg des erhabenen Marsches hin zur vollen Gleichberechtigung und zur vollen Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben wird nicht morgen entschieden werden. An jedem anderen Tag, ja, aber nicht morgen. Morgen gilt es nur zu entscheiden, wem man das Amt – schweren Herzens – eher anvertrauen möchte.

Am Ende ist Demokratie, das nüchterne Abwägen von streitbaren Parteien, Politikern und Positionen. Wer Heilserwartungen an Politiker und Parteien knüpft, wird sich alsbald im Tal der Tränen wiederfinden und keinen Weg mehr raus.

Denn wenn Herr Van der Bellen gewinnt, wird es an der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft nichts ändern und wenn Herr Hofer gewinnt, wird sich an der Notwendigkeit die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zu beheben, nichts ändern.

Wut und Geduld

Mich haben einige enttäuschte und wütende Reaktionen erreicht. Es sind Nachwehen der Beschimpfung durch die grüne Nationalrätin Aslan. Manche sind offenbar enttäuscht, weil ich eingeknickt und es für die Mandatarin ohne Konsequenzen geblieben sei. Andere wiederum sind erbost, weil ich Kommentare gelöscht habe, die die Abgeordnete in die Nähe der Terrorgruppe PKK gerückt hatten. Fangen wir mit dem ersten Punkt an.

Das Leben ist selten fair. Natürlich bin ich nicht eingeknickt, noch wurde ich dazu genötigt, eine Entschuldigung von Frau Aslan anzunehmen. Wie sollte das auch gehen? Man kann man mir viel vorwerfen, aber zu wenig an Sturheit gewiss nicht. Meine diplomatische Herangehensweise hat einen einfachen Grund. Ich muss mit diesen Leuten, diesen Parteien, diesen Kreisen morgen oder übermorgen wieder arbeiten. Und es kommt leider immer vor, dass sich Politiker im Ton ihrer Kritik vergreifen. Offensichtlich sind auch die Grünen vor diesen rauen Sitten nicht gefeit. Aber als Journalist sollte man im Umgang mit derlei Vorkommnissen “diplomatisch” sein. Ob das fair ist? Nein, aber das ist das Leben selten.

Ich kann mich noch gut an meinen Geografie Lehrer am Gym erinnern. Ein FPÖler durch und durch. Er mochte mich nicht, weil eh scho wissen. Aber was will man machen? Gewalt als Option fällt weg, außerdem war er ein kräftiger Kerl, der sich gewiss gut geschlagen hätte. Also musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich die Gemeinheiten erdulden kann. Noch dazu war es so, dass einige Mitschüler seine Haltung mir gegenüber offen goutierten. Das heißt, ich konnte mich auch nicht auf meine Mitschüler verlassen. Man war auf sich gestellt, ihr kennt das ja. Also was tun? Aufgeben? Vielleicht doch mal die Gewaltoption probieren? Nein.

Die Wut in etwas Positives umformen. Ich habe gelernt. Ich habe alle Länder, ihre Hauptstädte, Gesamtflächen und Einwohnerzahlen auswendig gelernt. Jedes noch so kleine und unscheinbare Land vermochte ich blitzschnell auf der Landkarte zu finden. Das imponierte selbst dem Lehrer. Er mochte mich nicht, aber er musste meinen Ehrgeiz anerkennen. Und meine Wut hatte mich dorthin gebracht.

Warum ich euch das erzähle, ist einfach. Ich will nicht und wir dürfen nicht so sein, wie man uns haben und sehen will.
Man will uns ungebildet?
Gut, dann werden wir uns hoch bilden.
Man will uns als fünfte Kolonne Ankaras hinstellen?
Gut, dann werden wir beweisen, dass dem nicht so ist.
Man will uns wütend machen und uns zu Fehlern verleiten?
Gut, dann werden wir nicht darauf reinfallen.

Ein steiniger Weg ist das, ein mühseliger. Doch am Ende kann man mit Geduld und Fleiß selbst den Schamlosesten noch die Schamesröte ins Gesicht treiben. Süßer Triumph.

Kommen wir zum zweiten Punkt. Ich habe Kommentare gelöscht, weil etwa der Satz “Aslan ist eine PKKlerin” in einem allfälligen Prozess schwer zu beweisen wäre. Und die Beweislast läge bei den Urhebern. Außerdem sind solche persönlichen Angriffe genau so abzulehnen, wie jener der Abgeordneten gegen mich. Man soll ja mit gutem Beispiel voran gehen.

Ich schreibe diese Zeilen, in der Hoffnung, dass ihr meine Worte achten und gelten lassen werdet. Uns allen viel Geduld.